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UNENDLICH - Für eine Ewigkeit (Teil I) | LESEPROBE

Aktualisiert: Aug 27

Kapitel 1 | Berufsberatung


Nur noch einen Monat. Dann war es geschafft und jeder würde sein Zeugnis in der Hand halten. Na ja, abgesehen von denen, die eine Ehrenrunde drehen mussten. Die Prüfungen waren vorbei, doch der eigentliche Wahnsinn ging erst los. Jetzt ging es darum, einen Ausbildungsplatz oder einen Studienplatz zu ergattern. Wer keinen Platz bekam, musste zum Militär oder bei Untauglichkeit Sozialdienst leisten. Zwischen Jungen und Mädchen wurde dabei kein Unterschied gemacht. Für den Nachmittag war eine Berufsberaterin angekündigt, die allen Schülern, je nach Lebenslauf, ihre Möglichkeiten erklären sollte. Was ziemlich lächerlich war, da die Schüler ei-gentlich keine Wahlmöglichkeiten hatten.


„Liam, hast du gehört, was ich gesagt habe?“, fragte Mr. Turner. Liam schreckte hoch. Er hatte die letzten Minuten gedankenverloren aus dem Fenster geschaut.

„Nein, tut mir leid, ich habe Sie akustisch nicht verstanden.“

Zugeben, dass er gerade nicht aufgepasst hatte? Sicher nicht.

Mr. Turner grinste.

„Ich habe gerade gefragt, ob ihr alle an eure Formulare gedacht habt. Mrs. Green wird sehr ungehalten sein, wenn ihr das Formular nicht zur Hand habt.“

Als Antwort streckte Liam nur den Daumen in die Luft. Mr. Turner nickte zufrieden und fuhr fort.

Mason, Liams Banknachbar und gleichzeitig bester Freund, stieß ihn mit dem Ellenbogen an.

„Was?“, fragte Liam genervt.

„Schau dir Oliver an. Es dauert nicht mehr lange und er platzt.“


Liam lachte leise und musste seinem Freund insgeheim zustimmen. Oliver saß drei Tische schräg weiter vorne und hatte schon ganz rote Ohren. Er war ein unsportlicher, schlaksiger Junge von mittlerer Statur. Mit seiner blassen Haut, den Sommersprossen und der Straßenköter-Haarfarbe entsprach er voll und ganz dem Klischee eines Nerds. Liam und Mason hatten sich im vorigen Schuljahr während eines Klassenprojekts, dem sie zugeteilt waren, mit Oliver angefreundet. Dabei hatten sie schnell entdeckt, dass Oliver ein kleines Genie mit einem stark zynisch ausge-prägten Humor war, das noch dazu verdammt gut zocken konnte und fluchte, dass selbst Liam und Mason die Ohren wackelten. Oliver war in keiner Hinsicht ein zurückhaltender oder gar schüchterner Junge. Ging es um das Ausbildungssystem oder die Politik im Lande, so konnte er sich mit seiner Meinung kaum zurückhalten. Er hatte schon unzählige Male nachsitzen müssen, denn viele Lehrer duldeten sein Verhalten nicht. Mr. Turner hingegen war verständnisvoller, da er den Frust seiner Schüler oft nachvollziehen konnte.


„Habt ihr euch auch alle für einen Termin bei ihr angemeldet? Die Liste zum Eintragen ging ja mehr als eine Woche herum. Jeder von euch sollte einen Slot bekommen haben“, sagte Mr. Turner und wartete darauf, dass sich jemand meldete.

Alle murrten nur zustimmend. Olivers Ohren färbten sich langsam lila. Liam und Mason grinsten breit und Mason setzte zum üblichen Countdown an:

„Drei.“

„Okay, dann gebe ich euch noch ein paar Tipps mit für das Gespräch“, sagte Mr. Turner ermutigend.

„Natürlich weiß Mrs. Green bereits über euer vorheriges Leben Bescheid. Trotzdem wird sie euch kurz dazu auffordern, etwas darüber zu erzählen. Bleibt dabei sachlich, werdet nicht emotional und lügt unter keinen Umständen.“

„Zwei“, ergänzte Liam leise. Oliver fing an mit den Fingern auf seine Tischplatte zu trommeln.

„Erklärt ihr, warum ihr gerne eine Ausbildung oder ein Studium machen möchtet und welche Fähigkeiten ihr dafür mitbringt. Wenn es nicht das gleiche ist, was ihr im letzten Leben schon gemacht habt, dann lasst euch nicht unterkriegen und bringt gute Argumente, warum ihr etwas Neues lernen solltet.“

„Eins“, gluckste Mason, der sich kaum noch halten konnte und just in diesem Moment haute Oliver mit seiner Faust auf den Tisch.

„Was für ein Bullshit!“


Mr. Turner seufzte, ließ Oliver jedoch beim Anblick der belustigten und erwartungsvollen Gesichter seiner Klassenkameraden gewähren.

Wie jedes Mal stand Oliver schwungvoll auf – im Sitzen hatten seine Tiraden keinen dramatischen Effekt – und fing wild gestikulierend zu wettern an.

„Wir sterben und kommen wieder auf die Welt. Wenn wir als feuchter Furz diesen Erdball erreicht haben, beten unsere Eltern inständig, dass sie doch gerade hoffentlich ein berühmtes, intelligentes und erfolgreiches kleines Scheißerle produziert haben. Falls sie einen Massenmörder geboren haben, wird der kleine Saftsack natürlich sofort der Heiligenstätte zur Adoption auf die Matte geworfen!“

„Oliver, Ausdrucksweise!“, unterbrach ihn Mr. Turner schmunzelnd.

„Ja, aber ist doch so!“, bekräftigte Oliver und holte Luft, um fortzufahren.

„Es wird alles erfasst und gespeichert und auch wenn du neu geboren wirst, bleibt dir der Scheiß aus deinem alten Leben am Arsch kleben! Es interessiert niemanden, wenn man jemand anderes sein will und auch heute werden wir alle nur wieder dazu gezwungen den gleichen scheiß Job wie in unserem letzten scheiß Leben zu machen!“

„Und dann …“ – wollte Oliver weiterreden, doch Mr. Turner unterbrach ihn nun doch.

„Oliver, ich weiß, dass unser System sehr viele Schwächen hat und nicht immer fair ist. Aber glaub mir, du wirst dir mit einem Tobsuchtsanfall wie diesem gerade mehr Türen zumachen als aufstoßen.“


„Als ob ich überhaupt eine Chance darauf hätte, etwas anderes zu lernen!“, schnaubte Oliver empört. „Es gibt haufenweise finanzielle Unterstützung, wenn man wieder das Gleiche macht wie im letzten Dasein und die Ausbildung dauert nur ein Jahr! Wenn ich aber etwas komplett anderes machen möchte, muss ich zwanzigtausend Formulare ausfüllen, einen Sack voll Geld haben, eine Erlaubnis bekommen und dann mindestens drei Jahre eine Ausbildung absolvieren in einer Firma, die vielleicht zwei oder drei Mitleidsplätze dafür anbietet!“


Mr. Turner setzte gerade zu einer beschwichtigenden Antwort an, doch die Pausenglocke kam ihm zuvor. Ein erleichtertes Seufzen ging durch das Klassenzimmer und jeder fing an, seine Sachen zusammenzuräumen. Oliver ärgerte sich, dass er nicht zu Ende reden konnte und stürmte wutentbrannt zur Tür hinaus. Mr. Turner sah ihm traurig nach. Er würde dem Jungen so gern helfen, doch Oliver hatte recht. Das System war hart und unfair.

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