• HWeber

Ist ein Lektorat wirklich notwendig?

Aktualisiert: Mai 9

Endlich. Das Buch ist fertig. Monate des eifrigen Tippens liegen hinter mir. Schon beim Schreiben habe ich immer wieder Passagen durchgelesen und überarbeitet. Die Rohfassung steht nun. Und die eigentliche Arbeit geht erst richtig los. Ich lese das gesamte Werk nochmal durch und staune über all die Fehler, die ich finde. Anschließend gebe ich das Buch einem Freund und auch er entdeckt noch einige Schnitzer. Das Buch wird an einen Lektor geschickt – für den „Feinschliff“ wie ich meine.


Ich erhalte das Buch einige Wochen später zurück und arbeite die Korrekturen des Lektors sorgfältig ein. Eigentlich dachte ich, ich hätte dem Lektor ein schön geformtes Stück Holz gegeben und er solle lediglich an ein paar Stellen nachschleifen. Während ich den Text so durchgehe, kommt es mir eher so vor, als hätte ich ihm ein rohes Holzscheit zugeschickt, das er mit einem Schleifgerät grundlegend abschleifen und formen musste. Ich habe meinen Text bestimmt schon dreimal gründlich durchgelesen gehabt, bevor er an den Lektor ging. Jedes Mal sind mir neue Fehler aufgefallen. Nicht nur grammatikalisch, sondern auch in der Handlungsstringenz. Dennoch wurden mir mit Hilfe des Lektorats Fehler aufgezeigt, die ich selbst nicht mehr gesehen hätte.


Damit wären wir beim berühmten Wort „leseblind“. Liest man das Buch zum allerersten Mal durch, fallen einem noch viele Grammatikfehler als auch Logikfehler auf. Problematisch wird es beim zweiten Durchgang und dem dritten Anlauf und allen Weiteren, die folgen. Das Gehirn erinnert sich an den Text. Die Konzentration ist nicht mehr die Gleiche, wie beim ersten Durchlauf. Es macht auch einen gewaltigen Unterschied, ob man das Buch zweimal direkt hintereinander durchliest oder lieber eine Woche dazwischen verstreichen lässt. Selbst als ich das Buch mehrmals durchgelesen hatte, einem Freund zum Korrigieren schickte und anschließend einem Lektor in professionelle Hände gab: Nachdem mir das Ansichtsexemplar vom Verlag zugeschickt wurde und ich das Buch stolz durchlas, fand ich immer noch Kleinigkeiten. Allein das zeigt mir, dass es allein nicht zu schaffen ist, sein Buch vollständig fehlerfrei zu bekommen. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit. Man sollte immer mehrere Personen das Buch durchlesen lassen, denn jedem fällt nochmal etwas auf.


Doch warum nicht einfach mehreren Freunden zum Lesen geben? Oder warum nicht einfach nur ein Korrektorat? Warum ist das Lektorat so wichtig?

Beim Korrektorat werden lediglich grammatikalische Fehler ausgebessert. Was das Lektorat wirklich wertvoll macht, ist dass es zusätzlich Stringenz und Logik im Buch prüft. Ein Leser verzeiht eher mal einen Kommafehler oder eine versehentlich falsche Worttrennung als unlogische Handlungsstränge. Lektoren und Lektorinnen achten sehr scharf auf Details. Es fällt ihnen sofort auf, wenn ein Charakter im ersten Kapitel mit blauen Augen beschrieben wird und im achten Kapitel plötzlich mit grünen Augen. Sie prüfen, ob das Setting authentisch beschrieben wird und merken an, wenn etwas einfach rein physisch oder technisch nicht möglich sein kann (z.B. wie weit ein Mensch im Dunkeln sehen kann).


Solche Analysen sind unfassbar wertvoll, da sie ein Buch glaubwürdig und authentisch machen. Ihr kennt doch sicher die Situation, wenn ihr einen Film schaut und über eine Szene lachen müsst, die rein physikalisch gar nicht möglich sein kann. Möchtet ihr, dass eure Leser auch so über Szenen aus eurem Buch lachen? Nein, natürlich nicht. Germanistik und Sprachwissenschaften sind nicht ohne Grund vollwertige Studiengänge mit einem anschließend breit gefächerten Berufsspektrum. Ein Lektor hat ein beruflich geschultes Auge, da er sich mit allen Facetten der Sprache lange befasst hat und tagtäglich damit konfrontiert wird. Dagegen komme ich mit meinem „Schuldeutsch“ nicht an. Die Arbeit eines Lektors ist jeden Cent wert – niemals hätte ich all diese Fehler allein finden und überarbeiten können. Genau aus diesem Grund plane ich für jedes weitere Buch wieder ein Lektorat ein. Wenn sich schon jemand für mein Buch entscheidet und Geld dafür ausgibt, sollte es qualitativ ein hohes Niveau haben!

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